Serie: C.heck T.he C.hef

Es ist das faszinierendste Organ unseres Körpers, wiegt ca. 1,4 Kilogramm, besteht zu 80% aus Wasser, setzt sich aus knapp 90 Milliarden Nervenzellen zusammen und produziert etwa 85.000 Gedanken am Tag; – das Gehirn. Oliver Geisselhart, Wahldortmunder und –laut ZDF– Deutschlands absolute Nr.1 unter den Mental- und Gedächtnistrainern, beschäftigt sich täglich mit der Wirkweise unseres Denkapparates. Schließlich geht es in seiner Arbeit darum, die in einem jeden von uns schlummernden geistigen Potentiale freizulegen.  

Oliver Geisselhart und Chefredakteur Thomas Gehrmann

Als wir uns an einem warmen Freitagabend im Juni mit Oli im säulengetragenen Kreuzgewölbe des >EMIL< im U-Turm treffen, werden wir von Restaurantleiter Alexander Bittscheidt in der vor fast 100 Jahren als Union-Kühlkeller geplanten Location  – der Witterung entsprechend –  zunächst mit einem wohltemperierten Pils begrüßt. Bei noch warmen Focaccia-Brötchen mit tomatisierter Butter steigen wir, in einem überaus bequemen Séparée sitzend, in unser Gespräch ein.  

Geisselhart ist neben seiner Tätigkeit als Mentalcoach und Seminarleiter einer der gefragtesten Keynote-Speaker und zudem Autor von bisher 14 Büchern. »Zwei Bücher möchte ich in der nächsten Zeit unbedingt in Angriff nehmen«, lässt er uns wissen, »eines, in dem ich mich mit dem Zusammenhang von Erfolg und Persönlichkeit beschäftige und ein zweites, das beschreibt, wie man es schafft, wirklich glücklich zu sein«. 

Doch noch bevor wir nachhaken können, denn wer möchte nicht erfolgreich und glücklich sein, serviert uns Küchenchef Sebastian Felsing zum Auftakt ein Duett vom kanadischen Hummer. Zartes, süßliches Hummerfleisch aus den Scheren auf einem Türmchen Quinoasalat angerichtet -zum einen- und ein Tatar vom Hummer in Sauerrahm -zum anderen- verbinden sich zu einem sommerlichen Genuss, der insbesondere durch ein Passionsfruchtgel eine angenehm frische Note erhält. Unser Gast wählt dazu einen 2017er Oktav Grauburgunder von Joachim Heger, der diesen Gang perfekt vervollkommnet. 

Nun, und wie ist das jetzt mit dem Erfolg und dem Glücklichsein? Alles nur Kopfsache; Glück wie auch Erfolg beginnen in unserem Kopf, erfahren wir, was auch immer wir unter Glück oder Erfolg verstehen. Es ist also die Art unseres Denkens, mit der wir auf den Verlauf unseres Lebensweges einwirken? 

Ja, unser Denken und dazu zählt auch das unbewusste Denken ist genau das Kriterium, das bereits in Kindheitstagen unsere Welt und unsere mentalen Strategien prägt. »Leider«, so der 51-jährige, »werden die meisten von uns von klein auf negativ konditioniert, was dazu führt, dass die von Natur aus angelegten Möglichkeiten, quasi verschüttet sind«. Diese mentalen Ressourcen wieder zu entdecken, sie freizulegen und sie schließlich zu vollster Entfaltung zu bringen, ist die zentrale Absicht im Wirken des aus der Nähe von Friedrichshafen stammenden Geisselhart. Und wozu wir von Natur aus fähig sind, veranschaulicht nicht zuletzt der Umstand, dass ein Baby annähernd 300-mal hinfällt, bevor es laufen kann, was aber bedeutet, dass es demnach 301-mal wieder aufgestanden ist. 

Diese Haltung wieder einzunehmen, zu verstehen, wie Denken und Lernen funktionieren, wie man seinen Geist schützt und ihn pflegt, wie man Ziele formuliert und Wünsche schließlich zur Realität macht, davon erhält man einen ersten Eindruck, wenn man den Vortragsredner und Gedächtnistrainer in einem seiner zweitägigen >Brainday<-Seminare besucht. Doch seit geraumer Zeit hat Geisselhart mit dem Format >Auf `nen Kaffee mit Oli< eine noch komprimiertere Möglichkeit gefunden, die im Rahmen eines einzigen Nachmittags aufzeigt, wie man das eigene geistige Potential entdeckt und entwickelt.

Die Laissez-faire-Art, mit der uns unser Gesprächspartner wissenschaftliche Inhalte der Psychologie und der Hirnforschung leicht verständlich näher bringt, macht Appetit auf mehr Wissen. So erfahren wir z.B. von einer aus 2018 stammenden Studie, die besagt, dass Stress unter anderem zu Gedächtnisschwund führt.

Apropos Appetit: mitten in die Erkenntnis, dass unter der heutzutage immer rasanter verlaufenden Kommunikation unsere Denk- und Lernfähigkeit leiden kann, ereilt uns der Hauptgang, den die Speisenkarte als Variation vom Salzwiesenlamm ausweist. Die einzelnen Komponenten bilden dabei einen Kreis, in dessen Mitte der Küchenchef am Tisch seine Interpretation einer Frankfurter Grünen Soße angießt. Zartestes Lammfilet, cremiges Blumenkohlpüree, knackige, geflämmte Blumenkohlröschen, und ein knuspriges Röllchen, bei dem es sich um ein Cannelono vom Lamm-Brasato handelt, verwöhnen unseren Gaumen. Der Wein, ein 2009-er La Parazal Comte de Thun aus dem Südwesten Frankreichs, ist ein facettenreicher Cuvée.

Von den herausragenden Fähigkeiten des Chef De Cuisine zurück zu den herausragenden Fähigkeiten unseres Geistes bzw. zu Verhaltensmustern, mittels derer wir ihn befähigen, noch wirkungsvoller für uns zu arbeiten; als da wären: der Verzicht auf Vorurteile, das Meiden von Perfektionismus, Spaß haben, Achtsamkeit und last but not least Dankbarkeit.

Die Grundvoraussetzung, die inneren Gewalten, über die wir alle verfügen, für und nicht gegen uns arbeiten zu lassen, bedarf allerdings der bewussten Entscheidung, mehr vom Leben haben zu wollen. Es ist der Moment, in dem wir erkennen, dass wir uns genau das einfach wert sein sollten, ein Moment, in dem wir aus der Opferrolle heraustreten, Verantwortung für unser Leben übernehmen und uns Neuem öffnen wollen. Für viele kommt dieser Moment als Einsicht am Ende einer Krise, als Gedanke im Zuge eines einschneidenden Erlebnisses oder aber in Form einer Intuition, -eines Geistesblitzes. Maßgeblich, ja, geradezu entscheidend ist es jedoch, sich die Begeisterung, die dieser Gedanke auslöst, zu erhalten; am Ball zu bleiben, wie man im fußballverrückten Dortmund zu sagen pflegt. Dass Training unserer geistigen Muskeln kann allerdings nur dann dauerhaft erfolgreich sein, wenn man in diesem Veränderungsprozess nett zu sich ist, sich so behandelt, wie man einen Freund behandeln würde, wenn man geduldig ist.

Als geduldige Menschen werden wir an diesem Abend mit einem sensationellen Dessert belohnt. Man stelle sich folgendes Bild vor: auf einem Taler aus zarter Buttermilch-Pannacotta steht ein Körbchen aus knusprigem Filo-Teig, in dem sich eine Nocke Passionsfruchtsorbet mit einem Deckel aus Buttermilch-Parfait befindet. Abgerundet wird das Ganze mit einem Passionsfruchtgel, Milchkaviar und gerösteten Knuspercerealien. 

Bei wem diese Vorstellung zu Speichelfluss führt, der sollte auch ein Verständnis dafür entwickeln können, wie Lernen funktioniert. »Wenn wir uns Namen und Gesichter, Vokabeln oder To-Do-Listen einprägen wollen, müssen wir die Begriffe mit geistigen Bildern verknüpfen«, erklärt uns Oli, die Funktionsweise seiner Geisselhart- Methode. »Je verrückter und abgefahrener das geistige Bild ist, das wir mit einem gewünschten Lerninhalt verknüpfen, umso besser können wir uns diesen merken«. In seinem 2012 erschienenen Buch >Schieb (sheep) das Schaf< erklärt Oli, der ganz nebenbei auch Gast-Dozent an einer Uni ist, wie man binnen eines Tages 300 Englischvokabeln nicht nur lernt, sondern auch behält. Da bekommt der Begriff >merkwürdig< doch ganz neue Dimensionen.

Doch abseits von ersten Einblicken in mentale Strategien, in das Verifizieren von Zielen oder in den Zugang zu unseren unbewussten Fähigkeiten, wie beispielsweise Visualisierung, erwächst bei vielen im Anschluss an eine erste Begegnung mit Oli der Wunsch, selbst Speaker, Trainer, Coach oder Autor zu werden. Zweifelsohne handelt es sich hier um einen Milliardenmarkt. Und wer davon träumt, anderen Menschen eine Hilfe zu sein, bekannt und sichtbar zu werden, finanzielle Freiheit zu erlangen und seinen eigenen Traum zu leben, der hat die Möglichkeit über ein Intensiv-Seminar oder über ein Trainer und Speaker-Camp noch weitaus tiefer in die Faszination des Geistes einzutauchen.

Rein gastronomisch beschließen ein Espresso und ein Grappa aus dem Veneto, ein >Sarpa di Poli<, mit überaus weichen und runden Geschmack diesen Abend mit einem sehr charismatischen wie vielsagenden Gast. Rein geistig hingegen hat in diesem Fall Abraham Lincoln das letzte Wort, der glaubte, dass >die meisten Menschen genau so glücklich sind, wie sie es sich selbst vorgenommen haben<. Mit anderen Worten: Das größte Glück, aber auch das meiste Leid tut sich der Mensch selbst an.                                                            

Text: Silke Albrecht + T.G.

Fotos: Niklas Niemann