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Mit Zoolotse Marcel Stawinoga im Doppeltsolecker

Jedes Check-the-Chef-Interview ist anders, weil jeder prominente Gesprächsgast seine eigenen spannenden Themen hat. Unser aktueller Essens-Talk brachte aber auch in kulinarischer Hinsicht eine echte Premiere mit sich. Marcel Stawinoga alias „Der Zoolotse“ ist Kommunikationsleiter und der Artenschutzbeauftragte im Dortmunder Zoo. Normalerweise wird bei uns ja „gegessen, was auf den Tisch kommt“ – sprich: Die Auswahl des Lokals ist Sache des Top Magazins. Hier hatte aber unsere sensible Food-Expertin vorab geraten, Marcel explizit nach seinen Bedürfnissen zu fragen. Und das war richtig! Er bat um ein rein vegetarisch-veganes Restaurant als Treffpunkt. Tatsächlich stellte uns das vor eine kleine Herausforderung. Restaurants, die komplett ohne Fleisch und Fisch auskommen, sind immer noch eher die Seltenheit in Dortmund. Doch die Connections von Silke Albrecht – besser bekannt als Pott-Gourmette und anerkannte Gastro-Expertin für die Region fand mit Doppeltsolecker 2.0 von Irina Tarnath im Kreuzviertel genau das, was wir suchten. 

Marcel hat an diesem Tag Dienstleitung im Dortmunder Zoo und muss erst dafür sorgen, dass alles ohne ihn läuft, bevor er sich auf den Weg macht. Als Social-Media-Stimme des Zoos hat er sich mit seiner direkten und sehr authentischen Art eine große Fangemeinde aufgebaut. Das ist besonders bemerkenswert, weil das Thema Zoohaltung immer noch in Teilen der Gesellschaft polarisiert. Dabei haben sich Bedingungen für Tiere in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert. Galt früher noch, dass ein Leben in Freiheit natürlich immer besser ist, als eines im Tierpark, so können heute die Zoos das Überleben einer Art sicherstellen. Überall auf der Welt werden die natürlichen Lebensräume von Tieren beschnitten oder verschwinden sogar ganz. Natürlich gibt es neben guten und tierwohlorientierten Zoos auch immer noch schlechte. Das Thema ist komplex. Marcel Stawinoga könnte also – allein vom Konfliktpotential seines Instagram-Kanals theoretisch eine Wut-Debatte nach der anderen auslösen. Tut er aber nicht. Hier macht sich wohl bemerkbar, dass er Kommunikationsmanagement, Journalismus und PR studiert hat. Außerdem kommt er sympathisch rüber, wenn er Capybaras streichelt, bis sie sich vor Wonne auf die Seite fallen lassen oder mit dem Tierpfleger ein Ständchen für Pinguin Rot singt, der seinen 19. Geburtstag feiert. In der Natur haben diese Tiere übrigens nur eine Lebenserwartung von 12 bis 15 Jahren. An diesem Abend sitzt Marcel Stawinoga uns etwas abgehetzt, aber gespannt und in freudiger Erwartung angesichts der besonderen Küche des Doppeltsolecker gegenüber. Während er einen alkoholfreien Cocktail genießt, widmet sich Silke Albrecht der Geschichte des Lokals.

tIrina stammt aus einer Gastronomenfamilie. Ihre Eltern betrieben das Odessa an der Hohen Strasse. Sie selber startete mit dem Cateringunternehmen Doppeltsolecker und einem Foodtruck. Da die Nachfragen der Gäste sich häuften, suchte sie letztendlich dann auch ein Ladenlokal und eröffnete am 19. August 2018 das erste Doppeltsolecker im Neuen Graben. Mitten während der Coronoapandemie, im Februar 2021, eröffnete sie Babuschkas Kitchen in der Kreuzstrasse/Ecke Arneckestrasse. Dort gibt es ukrainische und georgische Köstlichkeiten, die sie International interpretiert und hier bekommen übrigens auch Omnivoren alles was sie sich wünschen. Schaschlik zum Beispiel. Das war für uns diesmal jedoch keine Option. Wir suchten ja rein vegan/vegetarisch, und zwar ein richtiges Restaurant, keinen Imbiss oder Café. Am besten noch mit einem schönen Menü und das fanden wir quasi gegenüber vom Babuschka im Doppeltsolecker 2.0. Hier veganisiert Irina Tarnath mit ihrem Team so ziemlich alles. Am liebsten ganz klassische Gerichte, die man sich vegan gar nicht vorstellen kann. Zu Weihnachten bietet sie immer fertige, leicht zu finassierende Menüs an. Da ist dann von „Gänsebraten“ über „Rouladen“ bis „Filet Wellington“ alles dabei. Die normale Restaurantkarte bietet von Frühstückswaffeln über Bowls und Burgern bis hin zu Kinkhali und Wareniki (georgische und ukrainische gefüllte Teigtaschen) für fast jeden etwas und ganz besonders toll ist auch die grosse Tortenauswahl. Für uns hat Irina noch einmal das Menü gekocht, was sie für den Valentinstag zusammengestellt hatte. Ein schönes Stichwort, um Marcel nach seiner großen Liebe zu fragen…

In seiner Rolle als Gründer und Vorsitzender des Plumploris e.V. ist er heute viel in Süd- und Südostasien unterwegs. Hier betreut er Projekte, im Rahmen derer die putzigen, glubschäugigen kleinen Wesen – Plumploris sind nachtaktive Primaten, Feuchtnasenaffen – wieder ausgewildert werden, nachdem sie aus schlechter Haltung befreit wurden. Das ist aber nicht der Grund dafür, dass er mit einer Tamilin verheiratet ist. Es war viel banaler… „Ich war am Anfang meines Studiums und damals – bevor Facebook aufkam – gab es noch das Portal Studi-VZ. Sie fiel mir auf, weil wir beide in vielen gleichen Gruppen waren, zum Beispiel über Philosophie und Hinduismus. Ich fand sie sehr interessant. Eines Tages schrieb ich sie dann – womöglich war das ein kleines bisschen konstruiert – wegen einer Frage zu Plato und dem Höhlengleichnis an. Es entspann sich ein längeres Gespräch, weil wir einfach auf der gleichen Wellenlänge waren. Genau genommen haben wir sehr lange nur miteinander geschrieben. Aber dann wollte ich sie kennenlernen und lud sie nach Oberhausen ein, zum Tanz der Vampire. Von da an trafen wir uns öfter und rechtzeitig bevor ich dann für längere Zeit nach Indien ging, machte ich ihr einen Heiratsantrag. Sie sagte ja. Und dann war ich erst mal weg.“ Bevor wir uns mehr von seiner ganz besonderen Reise erzählen lassen, ist es Zeit für einen ersten Eindruck von dem, was uns an diesem Abend auf dem Teller erwarten wird. Vielversprechend! 

Als Amuse Bouche hatte Irina für uns ein knuspriges Tartelett aus luftigem Blätterteig, gefüllt mit feiner Trüffelmayonnaise, veganem Lachstatar und Chia-Kaviar, begleitet von zartem Pflücksalat und Granatapfelkernen vorgesehen. Das Tartelett erinnerte an diese kleinen Königinpasteten, in denen Ragout fin serviert wird. Der Teller sah mit dem zauberhaften Türmchen und dem Veilchen schon aus, wie ein kleines Kunstwerk. Und es schmeckte auch so. Als Weinempfehlung gab es den 2025 Weißburgunder und Chardonnay vom Weingut Weinreich. Abgesehen davon, dass er bio und vegan ist, harmoniert er auch durch seine feine Säure und die Kraft des Chardonnays mit diesem durchaus aromatischen Einstieg. Die Weine bezieht Irina übrigens vom benachbarten Cabernet & Co. Unser Gast blieb lieber alkoholfrei und probierte den Virgin Passion Royale, bestehend aus Mangosirup, frischer Minze, Vanillesirup, alkoholfreiem Schaumwein und Maracujasaft, der zugegebenermaßen sehr gut aussah.

Marcel ist in Gelsenkirchen-Buer aufgewachsen, hat drei jüngere Brüder. „Ich komme aus einer klassischen Arbeiterfamilie“, erzählt er, „Die Vorfahren meiner Eltern waren alle im Bergbau. Bestimmt würde man heute von ‚bescheidenen Verhältnissen‘ sprechen, aber ich hatte eine schöne Kindheit.“ Mit 16 zieht er aus, in eine WG mit einem Freund, und beginnt, neben der Schule im Zoo zu arbeiten. „Zu der Zeit hatte ich eine Doku von Hannes Jaenicke gesehen, in der es Tier- und Artenschutz ging. Sie haben Orang-Utans aus illegaler Haltung geholt. Da waren sehr schlimme Geschichten dabei. Diese Bilder haben bei mir einen Schalter umgelegt. Ich wollte dagegen kämpfen, dass Menschen den Tieren so etwas antun. Später lernte ich Hannes Jaenicke auch persönlich kennen. Ich denke, das hat mein heutiges Engagement sehr beeinflusst.“ Marcel verliebt sich hoffnungslos in eine Kollegin aus dem Zoo, reist ihr ungefragt nach Indien hinterher, wo sie ihre Familie besucht und wird etwas bedröppelt abgewiesen weil – was er nicht wusste – sie bereits vergeben ist. „Ja, das war zweifellos alles etwas naiv von mir“ beurteilt er rückblickend. „Aber was ich dort gesehen habe, überall die Affen, die Vögel, die ganzen Palmen, Bananen, das ganze exotische Essen… Die gesamte Gesellschaft in Indien ist komplett anders als hier. Es ist einfach alles voll, überall rufen Leute etwas, da sind Kühe auf den Straßen, Ziegen. Überall sind Tempel, es gibt ja diese Vielfalt an Gottheiten und das alles ist auch in den Alltag integriert. Ich war fasziniert und weil ich ohnehin gerade in einer Phase der Selbstfindung war, beschloss ich, ganz aus eigener Kraft nach Indien zu laufen. Einerseits natürlich, weil ich damals wenig Geld hatte. Andererseits aber, weil ich diese Erfahrung unbedingt machen wollte.“ Sein nächstjüngerer Bruder, der damals gerade mit dem Abitur fertig ist, begleitet ihn. Bevor wir zu Einzelheiten der außergewöhnlichen Wanderung, die insgesamt ein Dreivierteljahr dauern wird, kommen, erreicht uns der Zwischengang. Ein krachend-knusprig panierter Fenchel mit Edamamepüree in Verbindung mit der Orangensauce und der Zwiebelmarmelade wirft – zumindest bei unserer achtsamen Foodkolumnistin – die Frage auf, warum noch keiner von uns mal auf so eine tolle Kombination gekommen ist. Zu diesem Kunstwerk passt die Scheurebe vom Weingut Johanninger mit dem zauberhaften Namen „Fräulein Scheu“ ganz hervorragend. Blumig in der Nase, leicht und knackig im Glas, feinherb… er schmeckt definitiv nach einem wundervollen Sommerabend mit Freunden auf der Terrasse.

Ziemlich genau 16 Jahre ist es jetzt her, dass der damals frisch verlobte Marcel mit seinem Bruder an einem Märztag in Gelsenkirchen loslief. Weil Marcel damals schon im Zoo bekannt ist, gibt es vorher noch einen kleinen Presserummel. Der Bürgermeister gibt den Jungs ein Empfehlungsschreiben des Oberbürgermeisters mit, einen USB-Stick, mit dem sie in der Ferne ihre Heimat repräsentieren sollen, sowie einen Wimpel und ein T-Shirt der Stadt. All das ist übrigens bis heute auf der Webseite www.zufussnachindien.de nachzulesen. „Wir hatten das Ganze bewusst als spirituelle Reise geplant. Es war auch für uns als Brüder eine tolle Erfahrung. Es gab Tage, da haben wir fast ununterbrochen miteinander geredet und dann wieder Phasen, in denen jeder mit sich selbst beschäftigt war. Außerdem mussten wir natürlich viele organisatorische Dinge klären. Zwar gab es schon google maps, aber wir hatten noch kein mobiles Internet. Also waren wir auf Karten angewiesen und Unterstützung – zum Beispiel von meiner Verlobten aus der Ferne.“ Unvergessen ist immer noch, wie ein eigentlich schlechtes Erlebnis letztendlich zu etwas Gutem führte und dafür sorgte, dass die Wanderer überhaupt Indien erreichten. „Wir haben unterwegs immer Schwimmbäder gefunden, wo sie uns sich duschen ließen“, erklärt Marcel, „wenn man sagt, man sei zu Fuß unterwegs nach Indien, das hat schon eine türöffnende Wirkung. Allerdings nicht in Passau. In dem dortigen Schwimmbad waren sie nicht zu erweichen. Wir hätten etwa 10 Euro für einen Kurzschwimmer-Tarif bezahlen müssen, was natürlich angesichts unserer Finanzplanung gar nicht drin war. Sehr frustriert, verschwitzt und etwas verzweifelt ließen wir uns dann von meiner Verlobten aus der Ferne zu einem Schwimmbad in Obernzell lotsen. Wie sich herausstellte, war das aber schon seit zwei Jahren geschlossen. Auf einem Campingplatz wurden wir auch unfreundlich abgewiesen. Aber dann, auf dem Weg raus aus dem Dorf, sahen wir plötzlich ein Hinweisschild auf ein Kloster. Wir dachten daran, dass jemanden duschen zu lassen doch eigentlich ein Akt der Nächstenliebe ist und klingelten hoffnungsvoll. Schwester Clara öffnete.“ Die beiden dürfen dann nicht nur duschen, sondern sogar in einer kleinen Gästewohnung übernachten. Im Gegenzug bieten sie ihre Hilfe an und bleiben zwei Tage, damit beschäftigt, den wuchernden Rosengarten des Klosters in Form zu schneiden. „Am Ende gab uns Schwester Clara ein Empfehlungsschreiben mit, das wir in Klöstern in der Slowakei vorzeigen sollten, damit uns dort der Schwester-Orden unterstützt.“ 

Kurz vor Bratislava verdirbt sich sein Bruder Marlon dann so nachhaltig den Magen, dass er kaum noch laufen kann. „Jeder kann sich vorstellen, dass eine schmerzhafte Krankheit, bei der man am liebsten immer in der Nähe einer Toilette ist, für so eine Reise kontraproduktiv ist. Wir schleppten uns – besonders ihn – sozusagen mit letzter Kraft zu einem Kloster, von dem uns Schwester Clara erzählt hatte. Mit ihrem Empfehlungsschreiben wurden wir dort sofort aufgenommen. Mein Bruder kurierte sich aus, ich half in den zehn Tagen bei allen möglichen Arbeiten und nebenbei las ich das Neue Testament einmal ganz durch. Das war schön.“ Am Ende, nach genau 173 Tagen und 7000 Kilometern zu Fuß kommen die beiden in Indien an. Bis heute ist Marcel froh, diesen mutigen Marsch auf sich genommen und durchgezogen zu haben. Heute ist er mit der damaligen Verlobten verheiratet, hat einen kleinen Sohn und ist beinahe täglich im Einsatz für den Dortmunder Zoo und den Artenschutz. Damals war die richtige Zeit für so eine Reise. Im Hier und Jetzt serviert das Team vom Doppeltsolecker derweil den Hauptgang. Er beinhaltete gerade für uns, die nicht so häufig vegan essen, eine echte Überraschung. Das Juicy Marble Filet sah tatsächlich aus, wie echtes Fleisch und fühlte sich auch so an. Die Struktur, die Textur – wirklich beeindruckend. Die gebratene Rosmarinbirne brachte die Süsse ins Gericht und die Cranberry-Quitten-Sauce die Tiefe. Die glasierten BBQ Sellerietaler waren die perfekte Ergänzung. Eine tolle Kombination!

Marcel ist in den letzten Monaten ziemlich angesagt gewesen bei den Dortmunder Medien. Trotzdem gibt es noch so viele Fragen, die bei diversen Talks oder Portraits offen blieben. Wir nutzen die Zeit zwischen Hauptgang und Nachspeise. Wie wird denn in seiner kleinen Familie mit Religion umgegangen? „Wir haben einen Hausaltar mit Ganesha, wie das bei den Hindus üblich ist“, antwortet Marcel. „Meine Frau macht auch manchmal eine Zeremonie mit Räucherstäbchen und gelegentlich gehen wir zusammen in einen Tempel. Gerade bei Tamilinnen in der Diaspora ist die eigene Kultur, Sprache und Religion sehr wichtig. Mit unserem Sohn haben wir eine Initiationszeremonie gemacht. Das ist uns wichtig, dass er beide Seiten von seinen Wurzeln kennenlernt.“ Hilft ihm der eigene Hintergrund, die persönliche Verbindung nach Süd- und Südostasien auch, wenn es darum geht, im Rahmen des Plumplori-Schutzes vor Ort Einheimische für das Projekt zu begeistern? „Auf jeden Fall. Man darf nicht vergessen, dass beispielsweise Indonesien, wo wir viel tun, lange Zeit eine Kolonie von den Niederlanden war. Und jetzt kommen da wieder Weiße, wo es so wirken könnte, als ob sie den Menschen sagen wollen, was sie zu tun haben? Da muss man sehr sensibel sein. Um immer auf Augenhöhe mit den Partnern vor Ort zu sein, braucht es Fingerspitzengefühl und ein hohes Maß an interkultureller Kompetenz.“ 

Wie kam er eigentlich dazu, sich ausgerechnet für Plumploris zu engagieren? „Ich war im Rahmen meines Studiums für ein sechsmonatiges Praktikum in Indonesien. Weil ich aber keine Lust hatte, in einer großen Stadt Akten zu sortieren und Kaffee zu kochen, überredete ich meinen Professor, zu einem Projekt auf Sumatra zu wechseln, wo mit Orang-Utans gearbeitet wurde. In dieser Zeit konnte ich als Guide arbeiten, Touristen herumführen und für das Projekt alle möglichen Tiere aus illegaler Haltung retten, immer in Abstimmung mit den Behörden. Darunter waren auch acht Plumploris. Natürlich ist der Schutz von Orang-Utans wichtig. Aber es gab schon viele NGOs, die sich darum kümmerten. Und die Plumploris hatten niemanden. Sie wurden illegal gehalten und dann einfach aus den Käfigen befreit und im Wald ausgesetzt. Dabei schaffen sie das nicht ohne eine intensive Vorbereitung. Zurück in Dortmund war mir dann bald klar, dass ich so ein Projekt nur finanzieren könnte, wenn ich einen Verein gründe und darüber Spenden generieren kann.“ (Mehr über seine Plumplori-Projekte kann man nachlesen unter www.plumploris.de). 

Immer dafür einzustehen, wovon man überzeugt ist, braucht Mut. Marcel Stawinoga hatte eine Weile darüber nachgedacht, ob er der Einladung des Youtubers Marcant zu einer Diskussionssendung mit dem Zookritiker Robert Marc Lehmann folgen sollte. Der stellte sich zehn Zoobefürwortern, begrüßte dann Marcel an letzter Stelle zum Talk und kündigte ihn schon respektvoll mit den Worten „Da kommt der Endgegner“ an. Und tatsächlich war das Gespräch der beiden der interessanteste Part der ganzen Sendung. „Ich bin froh, dass ich mich dem gestellt habe“, bilanziert Marcel heute. „Und als ich zuletzt nachgesehen habe, hatten schon 1,6 Millionen Menschen das Video gesehen. Es gab über 10.000 Kommentare, die ich größtenteils auch gelesen habe. Natürlich hat Robert Marc Lehmann seine überzeugten Anhänger, aber ich bin trotzdem sicher, dass ich auch viele Menschen zum Nachdenken anregen konnte.“ Gab es ansonsten schon mal einen richtigen Shitstorm für ihn auf den Social-Media-Kanälen? Und wie ging er damit um? „Das ist schon einige Jahre her, war aber heftig. Da hatte ich ein Facebookposting mit der Überschrift „Artgerecht ist nur die Freiheit?“ gemacht und war auf Vorurteile gegenüber Zoos eingegangen. Darauf wurde ich – neben viel Zuspruch – auch für etwa zehn Tage online beschimpft. Darunter waren die größten Beleidigungen und auch einige mit rechtlicher Relevanz. Einer bezeichnet mich als KZ-Betreiber mit meinem Tier-KZ. Das ist eigentlich schon eine Relativierung des Holocausts. Diesen Kommentar habe ich dann auch gemeldet. Und es gab auch ein paar Drohungen, die mir ein bisschen Angst machten. Trotzdem glaube ich, dass ich für die meisten eher eine Projektionsfläche bin. Es geht nicht um mich als Person.“ Ernste Themen machen Hunger. Nachdem wir die ganze Zeit direkt gegenüber der Tortenvitrine saßen, waren wir an dieser Stelle mehr als bereit für das feine Zitronen-Himbeer-Schnittchen zum Dessert. Ein zartschmelzender, erfrischender Traum eines Törtchens! Und der perfekte Abschluss dieses überraschenden und vor allem köstlichen Menüs. Zum Ausklang erklärt uns Marcel, der (noch) in Gelsenkirchen wohnt, aber in Dortmund arbeitet, dass er immer zu seiner Verteidigung betone, er sei kein Schalker. Sein aktueller Bezug zu Fußball läuft über Walter. Das ist einer seiner Orang-Utans, der gerade wichtige Arbeit als Orakel leistet. Obwohl sein erster Auftritt etwas holperig lief – Walter schnappte sich zwar zuerst die Kiste mit der Deutschlandfahne, nahm aber dann beide mit sich in die Hütte und naschte zuerst aus der Curacao-Schachtel – konnte Marcel mit seiner blumigen Interpretation dieses Verhaltens offenbar wieder neue Fans gewinnen. Die Ansprechpartnerin der Nachrichtenagentur berichtete ihm später, sein Auftritt habe sich bestens verkauft, 45 Medien hätten Walters Orakel ausgestrahlt. Kein Wunder, kaum jemand kann so interessant über Tiere sprechen wie unser Zoolotse.

Text: Daniela Prüter, Silke Albrecht, Bilder: Isabella Thiel